Reisen – als Frau unterwegs in Indien

Als Frau unterwegs in Indien – wie fühlt sich das an? Haben die Düsterbilder aus den Medien ihre Berechtigung oder sind sie eurozentristische Panikmache?

Bist du schon mal nach Indien gereist? Als Frau alleine, mit einer Freundin, einem Freund? Oder bist du als Mann mit (d)einer Freundin durch Indien gereist?

Wie hat es sich für dich angefühlt, in dem Körper einer Frau dieses Land zu betreten? Was für Erfahrungen hast du gemacht?

Indien, ein Land der Extreme, einige sprechen von Haß-Liebe, ein gefahrvoller Ort für Frauen, so hören wir es immer wieder.

Im Jahr 2012 und 2013 war Indien wegen mehrerer brutaler Massenvergewaltigungen (sog. Gangrape) in den Schlagzeilen. Danach war die Verunsicherung groß, vor allem durch Berichterstattungen, welche Indien als frauenfeindliche Nation zeichneten.

Auf einmal lautete die Frage: wie kann eine Region, in welcher starke Frauenbilder immer noch angebetet und verehrt werden, eine Region, welche Europäer mit Spiritualität und Weisheit in Verbindung bringen, „solche Söhne gebären“?

-> Vorneweg: „five fingers – no same“

Wenn ich Freundinnen nach ihren Erfahrungen in Indien als Frau frage, gibt es so viele verschiedene Erzählungen.

So verschieden, wie unsere Indienreisen sind, so verschieden sind unsere Routen, unsere Erwartungen, unsere Antennen, unsere Sensibilität, unser Selbstbewußtsein und so verschieden sind auch unsere Erlebnisse in diesem Land.

Ich kenne Frauen, die, obwohl alleine unterwegs, keine „negativen“ Erfahrungen gemacht haben. Und ich kenne Frauen, die furchtbare Liquid Extacy-Erlebnisse hatten… Indien ist eben riesengroß. Und so groß und verschieden sind auch die Erfahrungen.

Gewalt gegen Frauen…

… ist – vorab – ein grenzüberschreitendes, internationales Problem, welches wir in allen gesellschaftlichen Schichten finden.

Dennoch: Fakt ist, dass Frauen und die Unversehrtheit ihrer Körper in Indien durch weniger Gesetze geschützt sind, als bei uns. So sind zum Beipiel Vergewaltigungen vom Ehemann in Indien immer noch nicht als Straftat anerkannt. (In Deutschland gilt dies auch erst seit 1997!)

In Indien finden – wie in Deutschland auch – sexuelle Übergriffe meist innerhalb der Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis statt. Man kann davon ausgehen, dass die Dunkelziffern in Indien wesentlich höher sind, als in Deutschland. (Geschätze Meldeanzahl 25%, aktuell ansteigend. Hinzu kommen auch die nicht zu unterschätzende Anzahl von Mitgiftmorden.)

Die medienwirksamen Vergewaltigungen in Gruppen werden in Dorfgemeinschaften meist dazu genutzt, um die Machtverhältnisse im Ort zu klären und gesellschaftliche Ordungen und Hierarchien zu zementieren.

Wenn wir einen Blick auf die Zahlen zu sexuellen Übergriffen in Indien werfen: sie sind hoch ja! Gemessen, an der Bevölkerungsdichte, ist die Wahrscheinlichkeit, in Frankreich, Russland oder in den USA einen sexuellen Übergriff zu erleben, um vieles höher. (Wikipedia)

-> Doch wie ist es jetzt als Frau in Indien unterwegs zu sein?

Die Macht des Eve-Teasing

Wenn du als Frau in Indien reist, sei es alleine, in Gesellschaft einer Freundin oder einem Freund, dann solltest du dich schon vorher mit dem Begriff des Eve-Teasing vertraut machen.

Damit will ich dir keine Angst machen, sondern dir ehrlich vermitteln, was wirklich wichtig ist und was ich vor meiner ersten Indienreise wirklich gerne gewußt hätte. (Inzwischen finden sich in vielen Reiseführern gesonderte Kapitel zu diesem Thema.)

Eve-Teasing bedeutet sexueller Übergriff und meint Anglotzen, obzöne Gesten, Reiben (Fotteurismus). Hin und wieder auch eine berührende Hand im Gedränge, im Schritt oder am Po.

Eve-Teasing ist als Begriff in Südasien entstanden und beschreibt sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Obwohl dieser Begriff seit 1998 besteht, wird Eve-Teasing nicht als Straftat verstanden, für welche der/ die Täter angezeigt werden kann.

Wenn du als Frau in Indien unterwegs bist, wirst du mit großer Wahrscheinlichkeit eine oder mehrere Situationen erleben, die dem Eve-Teasing entsprechen.

Eve-Teasing verunsichert, gibt ein Gefühl des ausgeliefert seins, macht ohnmächtig, wütend, hilflos, beschämt. Eve-Teasing baut darauf, dass du als Frau die Klappe hältst und den Übergriff schweigend übergehst.

An stark touristischen Orten wirst du dem Eve Teasing meist weniger stark ausgesetzt sein, was nicht heißt, dass du Abstecher in entlegene Gegenden per se meiden solltest.

„Warum ist das jetzt so in Indien?“

-> Kontrolle

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Starke Frauen findest du in Indien trotzdem überall.

Obwohl Frauen einerseits als heilig angesehen werden, sind sie dennoch im Zuge des Patriarchats Objekte der Kontrolle. Ein stark ausgeprägter Reinheitsgedanke sorgt vor allem in den oberen Schichten für die absolute Kontrolle über Frauenkörper.

Die Idee von Reinheit besteht schon in verschiedenen Schichten Indiens schon länger. Doch wurde mit der britischen Kolonialherrschaft und der „Überlegenheit“ von Viktorianischen Idealen ein patriarchal-hinduistisches Gegenmodell entworfen, in welcher die kulturelle Identität „indischer Männer“ ganz wesentlich durch die „Reinheit und Kontrollierbarkeit“ indischer Frauen gestiftet wurde.

Mit ihrer „Reinheit“ sind Frauenkörper für die Ehrwürdigkeit ihrer Familie/ Gruppe verantwortlich. Dabei wird klar, dass diesen Frauen ihre Körper nicht gehören. Parallel werden sie dazu erzogen, Dinge, die ihren Körper betreffen, zu tolerieren.

-> Hierarchie

Ein stark hierarchisches Denken, welches sich im Indischen Schicht- und Kastensystem spiegelt, sieht viele Frauen als Menschen mit weniger Würde (trotz ihrer Heiligkeit als Göttin/ Mutter). Nicht wenige vertreten die Auffassung, dass Frauen erst in ihrem nächsten Leben als eine Stufe höher wiedergeboren werden können: nämlich als Mann.

-> Domestizierung

Vor allem in der Mittelschicht finden wir eine enorme Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen. Hier sind es die Männer, die bis vor Kurzem alleine für das Einkommen zuständig waren. Dadurch, dass immer mehr Frauen aus der Mittelschicht arbeiten gehen und so unabhängiger und beweglicher werden, wird Gewalt genutzt, um Hierarchien aufrecht zu halten und Frauen weiterhin zu domestizieren.¹

-> Körper als Objekt

Die riesige Porno Industrie, die mit „Blue-Films“ bis vor nicht allzu langer Zeit vor allem weiße Frauen als willige Sexobjekte dargestellt hat, trägt immer noch dazu bei, dass  insbesondere weiße Frauen/ Touristinnen als „sexgierig“ und „willig“ gesehen werden.

Die konzipierte, starke Überlegenheit der Männer und die extremen Disparitäten zwischen Tradition und Moderne sind Hauptursachen für die Gewalt von Männern an Frauen in Südasien…

Der Weg in die Wildheit

Jemanden in Indien in der Öffentlichkeit laut anzuschreien, bedeutet Gesichtsverlust für den Angeschrieenen und auch für die schreiende Person – vor allem als Frau gilt man schnell als verrückt, wenn man sich lauthals wehrt. Dies ist sicherlich einer der Gründe, warum so viele der indischen Frauen das Eve-Teasing über sich ergehen lassen und schweigen.

Als ich das erste mal einem Mann in Südindien ins Gesicht schlug und ihn vor seinen Freunden anschrie, nach dem er mir im Schutz seiner Gruppe direkt zwischen die Beine gefasst hatte, änderte sich schlagartig mein Maus-Dasein in Indien. Ab da konnte ich laut sein, meine Wut und Empörung dem Gegenüber ins Gesicht brüllen und in der Öffentlichkeit bloßstellen.

Mich in Indien wirklich frei und sicher zu bewegen war ein langer Prozess. Als ich das erste Mal vor 16 Jahren nach Indien reiste, gab es weit weniger Touristen und ich war ziemlich überfordert. Ich empfand Nordindien für mich als junge Frau körperlich wie eine Qual und floh nach Nepal in die Berge. Endlich aufatmen, weniger Blicke, weniger Berührung, mehr Platz für meinen Körper als Frau, für mich. Endlich wieder starke Frauen.

Mein drittes Mal Indien verbrachte ich fast vollständig in Benaras, Varanasi – und war alleine zwischen verschiedenen NGO´s unterwegs. Bei meinem ersten Aufenthalt in Indien wäre das für mich vollkommen unmöglich gewesen.

-> Was ich damit sagen möchte ist, dass Indien ein Land ist, welches von dir fordert! Es fordert von dir die Selbstsicherheit und Präsenz im eigenen Körper! Es fordert von dir Verantwortungsbewußtsein für dein eigenes körperliches und seelisches Wohl! Und ein absolutes Gehör auf deine Intuition!

Diese Sorge oder das hin und wieder Auf-der-Hut sein, kann auch anstrengend sein und verhärtend wirken.

Als Frau unterwegs in muslimischen Ländern

Um ehrlich zu sein, habe ich bislang in überwiegend muslimischen Ländern kaum derartige Erfahrungen gemacht. Türkei und Ägypten: gar nichts. Langer Aufenthalt in Palästina: eine verbale Obszönität. Ein Monat Iran ohne jegliche männliche Begleitung: ein Zusammenstoß mit einem Frotteur.

… Auch Indien ist im Wandel

Das habe ich an meinen letzten Reisen gespürt und beobachtet. So findest du zum Beispiel in den Zügen – vor allem in den Nord-Süd-Verbindungen – vermehrt junge Paare, die sich nicht scheuen, ihre Liebe und Zärtlichkeit in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Liebe im öffentlichen Raum ist allmählich nicht mehr auf die Leinwand beschränkt, sondern zeigt im Alltag mehr und mehr ihr Gesicht. Das mindert spürbar Spannungen auf Reisen.

Und: die Macht der Anziehung? Ist bullsh*t!

Du denkst, dass alles, was dir widerfährt, durch deine Anziehung und deine Signale oder mögliche „Schwäche“ entsteht? Alles ein Spiegel?

Klar, manche Übergriffe geschehen, wenn wir uns gerade schwach und angreifbar fühlen. Das Gegenüber nutzt diese Schwäche aus. Dennoch sind Übergriffe nie Spiegel, nie Einladung, sondern verdammtes Pech! Und dies kann dir überall auf der Welt widerfahren.

Trotzdem unterstützen dich diese Regeln.

Worauf du achten solltest

 9 Tips für entspannteres Reisen

-> Die Regeln kennen

Wenn wir Frauen reisen, machen wir uns sofort, wie aus einem unbewußten Überlebensinstinkt heraus, mit den Regeln in unserem Umfeld vertraut.

Wir beobachten andere Frauen, ihre Bewegungen, ihre Gestik. Wir entscheiden innerhalb von Sekunden, was wir übernehmen wollen und was uns nicht passt. Wir entscheiden mehr oder weniger bewußt, welche Regeln wir einhalten und welche wir – im Idealfall bewußt – brechen wollen, um uns selbst treu zu bleiben.

Für Indien gelten, wie für viele andere Länder auch, für uns Frauen ähnliche Maxime:

  • Licht. Dunkle, unübersichtliche Ecken und Parks zu meiden und keine offenen Getränke unbeobachtet stehen zu lassen. Ja, auch in Goa.
  • Going Native. Auch wenn die Hippiebewegung in Indien gross geworden ist, heißt dies nicht, dass die Inder mit Nacktheit konform gehen! Am Sichersten bist du mit dem Salwar Kameez unterwegs. Vor allem für Zug- und Busfahren solltest du dir ein traditionelles Set aus einem Tuch und Hemd-Kleid für Frauen und einer weiten Hose darunter besorgen.
  • Tuch. Ein Tuch passt überall mit hinein und dient auf die Schnelle als Sichtschutz und kann dir in unangenehmen Situationen auch den Körper verhüllen. Je nach Reiseregion empfiehlt sich ein lockeres Tuch über den Brüsten. In Großstädten und sehr touristischen Orten ist das nicht nötig.
  • Vertrauenspersonen. Wenn ich mich beim Reisen unwohl fühle, suche ich mir eine Person im Abteil aus,  die vertrauenswürdig aussieht, und die ich im Notfall um Hilfe bitten würde. Mit diesem Wissen kann ich mich mehr entspannen.
  • Unterwegs sein. Wenn sich eine Nachtfahrt nicht vermeiden lässt, dann buche als Zugabteil 2. oder 3. Klasse AC, zur Not bei geringem Budget auch 3dr Sleeper, möglichst mit einem Bett ganz oben. (Das gilt auch für Schlaf-Busse: Betten oben). Diese sind in der Regel nicht so voll, du hast ein eigenes Bett und den Überblick. Wähle vor allem die Ankunftszeiten so, dass du nie mitten in der Nacht an einem Ort ankommst.
  • Beach. Ist nicht gleich Beach. (Und Ashram nicht gleeich Ashram.) Auch, wenn sich das Reiseverhalten in Indien stark geändert hat und glotzende junge Männer mehr und mehr von Familien und Pärchen verdrängt werden: Strand ist nicht gleich Strand. Wenn du einen Beach-Urlaub in Indien machen möchtest, dann informiere dich vorher über die Strände. Als ziemlich sicher für Frauen gelten Arambool, Vagator und Anjuna in Goa, Kuddle Beach in Gokarna und Varkala in Kerala. Gib an Stränden und auf Parties gut auf deine Getränke acht. In Indien gibt es immer wieder Vorfälle mit Gebrauch von Liquid Extracy.
  • Festival-Season. Du reist zur Festival Saison oder in deinem Ort wird gerade heftig gefeiert? Festivals sind – finde ich – das Wunderbarste, was es in Indien zu erleben gibt. Dennoch: sorge in Festival-Zeiten für eine gute Peer-Group oder zumindest für eine Begleitung. Vor allem in Nordindien können Feste, wie das Holi-Festival durch betrunkene Männer einen aggressiven Touch bekommen. Wenn du keine Begleitung hast, empfehle ich dir (vor allem in Städten wie Varanasi und Hardiwar) in der Nähe deines Guesthouses zu bleiben.
  • Schutzräume nutzen. Egal, ob im Local Bus, am Ticketschalter oder am Bahnhof, nicht selten findest du Schalter, Sitzplätze oder Warteräume, die nur für Frauen gedacht sind. Ich empfehle dir, diese auch zu nutzen.
  • Regionale Verschiedenheit. Ich persönlich empfinde den Süden Indiens und die Berge im Norden als viel entspannter, vor allem als Frau. Die nördlichen Ebenen sind eher hart und roh, sehr arm und die Atmosphäre leicht angespannt. Solltest du das erste Mal nach Indien reisen, empfehle ich dir, im Süden anzukommen.

-> Die Mischung machts. Sei achtsam, höre auf deine Intuition, aber lass dich nicht von deinen Sorgen regieren. Reise mit großer Klappe und einem offenen Herzen. Be yourself.

Und wieso jetzt Indien?

Wieso soll ich nach all dem überhaupt nach Indien reisen, fragst du dich jetzt?

Weil es sich lohnt!

Die meisten Freundinnen von mir sind WiederholerInnen. Das heißt, sie reisen immer wieder nach Indien, obwohl sie Indien auf seine spezifische Weise immer wieder an Grenzen bringt.

Wir tun dies nicht aus einem Masochismus heraus, sondern um zu staunen, zu lernen, zu erfahren, zu spüren, was es nur dort zu schauen gibt. Gleichzeitig lernen wir mehr über unsere Stärken und unsere Schwächen.

-> Möchtest du nach Indien reisen? Welche Erfahrungen hast du bereits gemacht?

Ich habe Gesellschaft und Geschichte Südasiens studiert und insgesamt 2,5 Jahre meines Lebens in verschienden Regionen Indiens verbracht. Ich hoffe, dass ich dir ein realistisches Bild zeichnen konnte. Du hast Gedanken zu dem Text und Thema? Ich freue mich sehr, wenn du deine Gedanken mit mir teilst!

Safe and magic travells!

Deine Julia

→ Was alles in eine alternative Reiseapotheke gehört, findest du in meinem Artikel für Fvck Lucky.

¹ „Capital, The Eruption of Delhi“, Rana Dasgupta. S. 138 ff.