Binge Eating. Is(s) mir egal?

Was ist überhaupt Binge-Eating? Woran kann man es erkennen und was kann man tun, wenn man selbst BingerIn ist?

Samstags in Mitte. Food-market. Essen als Event. Konsumrausch der Geschmäcker. Essen im Lärm. Heiss. Stickig. Gespannt. Im Gang, zwischen dem Geschiebe, denke ich an die letzten Beratungen mit jungen Frauen.

Was immer wieder auftaucht: Unwohlsein im eigenen Körper, geringe Verbindung zu sich selbst und den eigenen Bedürfnissen, oft aufgestaute Wut, die Sehnsucht nach Perfektion und das Klischee: schwierige Mutter-Beziehungen. Gleichzeitig dann das Bedürfnis, sich zu verankern, sich zu fühlen, zu füllen. Sich zu füllen wird hier gleichbedeutend mit betäuben. Gelebtes Paradox.

Magersucht und Bulimie treten eher während und nach der Pubertät auf, das Binge- oder  Overeating betrifft vor allem Frauen in den Dreißigern und Vierzigern.

Was bedeutet Binge?

„Binge“: das Gelage, sagt Wikipedia. Binge bedeutet, sich zu füllen im Kontrollverlust, um „voll“ zu sein.

“Binge Eating Disorder” ist meist unsichtbar, sie muss nicht zwangsläufig zu Übergewicht führen. Binge Eating ist also nicht dieser „Schrei nach Liebe“, der Magersüchtigen oft so platt nachgesagt wird. Binge passiert meist unter der perfekten Oberfläche.

BingerInnen haben individuelle magische Grenzen, bei denen das „Binging“ einsetzt. Das kann ein Stück Schokolade „zu viel“ sein. Es gibt BingerInnen, die erzählen, dass Kaffee Binge auslösen kann, weil der Koffeinschub dem Gefühl von Ess-Strudel sehr nahe kommt.

Es gibt Wochenend-BingerInnen, die unter der Woche kontrolliert essen und sich dann am Wochenende ebenso „kontrolliertes“ Binging erlauben – zum Druckabbau. Es gibt die 14-16 Uhr BingerInnen, die dann auf ihr Abendessen verzichten. Und es gibt diejenigen, die während des Firmen- oder Familientreffens überessen – oder danach. Dann gibt es unkontrollierte BingerInnen, hier ist der Übergang zur Fresssucht dann fließend.

Auch die Menge an Essen ist bei den jeweiligen BingerInnen verschieden. Einige kombinieren ihre Form der Essstörung mit Extrem-Sport und exzessivem Yoga. Hin und wieder mit Abführmitteln.

Was passiert beim Binge?

Allgemein gesagt, verschwimmen vor dem Ess-Anfall die Grenzen zwischen Ich und Aussenwelt. Kontrollierte und unkontrollierte BingerInnen befinden sich vor dem Essen oft wie in einem zittrigen Sog. Weder Körper noch Geist sind in diesem Moment so richtig klar. Ein bißchen, wie im Auge des Sturms zu stehen.

Das Gefühl Leere hat eine Stimme, die ersticken will. Sie verlangt, laut, zerrend, benebelnd:

Schnell zum Kaisers und hoffen, dass einen keiner sieht, an der Kasse schon ein Snickers im Mund. Der Strom geht weiter; draussen gleich die Magnum-Mandel-Eistüte aufreissen und dann zum Pommes bestellen an den Schlesi huschen. Mit 2x Majo bitte.

Der Zucker wirkt jetzt. Mit Rausch. In die Leere dringt aber nicht Gefühl, nicht Wärme, sondern Overload. Das überforderte System: von Rawfood auf Fastfood, von Kokosblütenzucker aufs schnelle, weisse Glück.

Overload liegt jenseits der Sättigung, er killt die Leere, überwindet sie aber nicht – betäubt sie bloss.

Unausweichlich kommt der Morgen danach: schlimmer als jeder Kater. Nach dem Schlingen bleiben nicht Erinnerungen einer bunten, wilden Nacht, sondern nur Trägheit. Ohnmacht. Scham. Und Wut.

Die Leere wohnt überall

In einer Gesellschaft, in der der richtige Restaurantbesuch und das konsumierte Essen als indentitätsstiftendes Moment gilt, hat sich zum ewigen Figur-Druck auch noch der Image-Druck gesellt.

Der Drang zur andauernden Selbstoptimierung gestattet keine Harmonie, keinen Frieden mit dem Körper, so, wie er ist. Binge ist dann wie ein “Einbrechen”, auch mal die Sau raus lassen, heimlich – in unseren kontrollierten bio/vegan/raw/Welten.

Ja, die Leere liegt auch zwischen Chiapudding und Yogamatte. Sie betrifft auch Menschen in muskulösen, aufrechten Yogakörpern  und strahlende Business-Frauen. Diejenigen, die aufgrund des hohen Anspruchs an sich selbst mit einem Bein im Burn Out stehen.

„Binging“ passt auch irgendwie zu unser Gesellschaft, in der alles auf Knopfdruck käuflich ist.

Jedes Bedürfnis kann durch konsumieren mit einem Mausklick erfüllt werden. Alles hat schnell zu sein und zu funktionieren, denn wir haben keine Zeit. Ja, wir sollen auf Knopfdruck funktionieren. Fern ab von unseren natürlichen Rhythmen und einem zyklischem Leben.

Im Prinzip ist das Gefühl von Leere ein legitimes, „natürliches“ Gefühl. Nur brauchen wir für dieses Gefühl eben etwas Zeit und liebevolle Zuwendung, um es zu ergründen, anzunehmen und um es – jenseits von Konsum – zu überwinden.

Was ist das, was wir nicht fühlen wollen?

Gefühlte Leere geht oft einher mit extremer, unterschwelliger Anspannung, dem Gefühl von Einsamkeit, auch unterdrückter Wut, Unsicherheit. Unverbundenheit mit sich selbst und dem dort draussen. Druck durch Vielfachbelastungen im Alltag und in der Familie. Keinen Raum für sich haben, sich keinen Raum nehmen. Und vor allem Traumata, die im Alltag durch Stress verschiedener Art getriggert werden können.

Je „selbstständiger“ wir sind, je höher der Druck ist, immer spontan, gelassen, strahlend, produktiv und effektiv zu sein, um so stärker müssen wir um unser wirkliches Fühlen kämpfen, für unsere Verwurzelung und für ein klares Körper- und Bedürfniss-Bewußtsein. Essen kann da als Erste-Hilfe-Anker herhalten, beim Binge ist die Hilfe eher trügerisch.

Is(s) mir egal?

Sich selbst aushalten können, bei sich bleiben zu können, wenn Unsicherheit, Leere, Angst, Einsamkeit, Traurigkeit oder alter Schmerz sich melden, ist manchmal wirklich schwer. Binger verlagern sich dann ins Essen. Das Essen nimmt das Gefühl von Leere und betäubt.

Dabei ist Binge-Eating wirklich belastend, destruktiv, oft mit Scham besetzt und ja: ätzend. Binge-Eating ist keine Lappalie.

Eines hat Binge mit anderen Süchten gemein. Sie ist Ausdruck von einen Mangel an Verbindung zu sich selbst und seinen Bedürfnissen, von zu viel Druck und einem Mangel an Selbstliebe. Meist aufgrund innerer Verletzungen.

Körper-Verbindung als Chance

Die amerikanische Autorin Geneen Roth hält für diesen Moment, wenn der Strudel einsetzt, eine ganz einfache Übung parat: im Moment der Entrückung besteht keine Verbindung zum Körper. Anstelle jetzt Essen als Anker zu nutzen, empfiehlt sie, sich vollkommen mit der Atmung auf den Bauch zu konzentrieren.

In Verbindung zu treten ist heilsam und erster Schritt aus dem Strudel heraus.

Setzt dich hin, fühle in dich, fühle nur in deinen Bauch. Wie der Atmen deine Bauchdecke hebt und senkt. Wohin wandert dein Atem? Wo genau fühlst du ihn in deinem Bauch? Was sagt dir dein Bauch? Hör ihm zu! Was will er jetzt wirklich?

Das klingt zu banal und unvorstellbar?

Ich weiß, Essen ist immer und überall da. Ob im sozialen Kontext, oder auf uns alleine gestellt, wir sind ständig konfrontiert mit Essen. Daher sind Ess-Süchte auch so schwer zu überwinden.

Ja, der Weg daraus ist verdammt harte Arbeit! Doch, was ist die Alternative?

Und Rückschläge? Ja, die gibt es! Sich aus alten Verhaltensmustern zu lösen, ist schwer. Manchmal benötigt man dazu auch professionelle Hilfe. Und das ist okay so.

Wichtig ist, so einen Rückschlag nicht zu einem Strafmodus verkommen zu lassen. Zu einem „Jetzt erstrecht!“. Die Wut über den Rückschlag muss nicht ins destruktive fallen, sondern kann als Motor dienen, am nächsten Tag noch einmal neu zu starten.

Reset!

Wer so lange eine Essstörung aushalten kann, trägt auch die Kraft zur Heilung in sich!

Körper-Verbindung ist die Chance!

Ein wirklich effektiver Weg ist, die eigene Körperwahrnehmung zu schulen. Die Beobachtung des individuellen Binge lässt verstehen, wann und warum und wo es einen gerade mit dem Strudel erwischt. Je bewusster der Strudel in seinen Anfängen registriert wird, um so eher kann man die Frage nach dem Warum? stellen.

Frage dich nach dem Warum?!

-> Warum jetzt und was willst oder brauchst du wirklich?

Bewußte Beobachtung ermöglicht bewußte Fragestellung an das Selbst. Situationen, die Binge auslösen, können besser verstanden werden und mit der Zeit wird es möglich, sich bei wiederkehrenden Situationen besser zu schützen, sich innerlich an die Hand zu nehmen und den Sog oder Strudel Strudel sein zu lassen. Irgendwann zieht der Strudel innerlich vorrüber, man selbst steht am Rand und schaut ihm dabei zu. Ja, das ist möglich!

In Verbindung mit uns selbst können wir für uns, nicht gegen uns arbeiten!

So gelingt es auch, schmerzhaften, auch uralten Verletzungen und Emotionen ins Gesicht zu sehen und anzuerkennen, dass man wegen seiner sehr individuellen, unaushaltbaren Gefühle diesen Weg zur Kompensation eingeschlagen hat.

Step by Step

Aufmerksame Beobachtung, Meditation und restorative Yoga-Übungen können den liebevollen Kontakt zum Körper fördern und lassen mit wachsender Milde auf das schauen, was jetzt gerade los ist. Auch die erdende, sanfte Ernährungsweise, welche die Ayurveda bei Essstörungen empfiehlt, bietet sich hier an.

Wichtig ist auch die Suche nach Verbündeten. Auch, um die Scham zu überwinden. Die Scham hält im Dunkeln und in der Angst gefangen. Ex-BingerInnen, FreundInnen können wertvolle Unterstützung sein, wenn die Zweifel mal wieder die Hoffnung übertünchen wollen.

Der amerikanische Verein OA-Over Eaters ist auch in vielen deutschen Städten vertreten und kann ebenfalls eine hilfreiche Anlaufstelle sein.

Um die Leere ehrlich zu fühlen und zu überwinden, müssen wir beginnen, sie zu umarmen.

Deine Julia

the void overeating ayurveda food rolling tiger copyright by julia wunderlich

Just killing the void?

Eine Übung für dich zum aufmerksamen Essen:

Ich decke den Tisch, auch wenn ich alleine bin. Ich setzte mich hin und blicke auf mein Essen. Ich halte an. Verbinde mich mit meinen Sinnen, ich rieche, sehe mein Essen. Ich verbinde mich mit meiner Zunge, bin verwoben mit dem Genuss. Mit der Substanz in meinem Mund. In Zeitlupe schmecke ich alle Geschmäcker, die meine Zunge bewohnen.

Ich atme. Über die Nase in den Brustkorb hinein. Darin liegt: ein offenes, schauendes Herz. Sitz des Selbst. Ich spüre den Atem in meinem Bauch. Wie er sich hebt und senkt. Meine Bauchdecke. Von innen. Warm. Die Leere? Falls sie da war, ist sie verwischt. Durch das Atmen in den Augenblick hinein. Und noch mal, einen Augenblick danach. Bissen für Bissen in Form einer Konzentrationsübung nutzen und nur den Sinnen lauschen.

Literaturtipps:

Geneen Roth: Women, Food and God.

Maja Langsdorff: Die heimliche Sucht, unheimlich zu Essen. (Dieses Buch betrifft mehr Bulimie, ist aber auch für Binge-Eater sehr gut geeignet.)

Bei Essstörungen bietet sich auch eine Begleitung durch ein Ayurveda Coaching an. Wenn du interessiert bist, schreibe mir über Kontakt eine Mail.

 Dies ist ein überarbeiteter Artikel aus dem Sommer 2015.

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