Zucker, nein danke?

Gerade in der Weihnachtszeit fallen wir leicht in alte Ernährungsmuster zurück, die wir schon lange überwunden glaubten. Zuflucht suchen wir dann oft in einem „Sweet High“. Was macht Zucker mit uns, wann brauchen wir die Süße wirklich und wie können wir Cravings mit ganz einfachen Methoden lindern?

Zucker polarisiert. Zwischen „sich etwas gönnen“ und „Zucker macht süchtig und krank“ liegen meilenweite ideologische Gräben. Sind Zucker-Abstinenzler jetzt Spassverderber? Oder sind sie einfach nur klar und konsequent?

Essen stiftet Identitäten, Gruppenzugehörigkeit und Zusammenhalt. Das ist seit Beginnn der Menschheitsgeschichte so. Und unser Umgang mit Zucker sagt auch eine Menge über unseren Wunsch nach Zugehörigkeit aus. Das ist gar nicht schlimm. Doch was macht Zucker überhaupt mit uns? Wann brauchen wir die Süße wirklich und was gibt es für ehrliche Alternativen?

Zucker ist schnelles, günstiges Glück

Wir alle wollen irgendwie Zucker! Wollen?

Zucker macht süchtig. Insgeheim wissen wir es alle alle. Und ein bisschen verstecken wir uns gerne hinter den Wissenschaftlern, die behaupten, es sei nicht so. Spätestens seit den Filmen „Voll Verzuckert“ und „The Secrets of Sugar“ können wir nicht umhin zu erkennen: Zucker macht süchtig und…

Zucker macht krank. Übergewicht, Diabetes, Candida-Pilz, sogar Alzheimer, hormonelle und Krebs-Erkrankungen werden mit einem hohem Zuckerverbrauch in Verbindung gebracht.

In den USA ist die Zuckerindustrie nahezu so groß, mächtig und ja, auch perfide, wie die Tabakindustrie. Auch im Bereich Lobbyismus steht die Zuckerindustrie der Tabakindustrie nichts nach. Da Zucker uns so (konsum-)süchtig macht, steckt die Zuckerindustrie unglaublich viel Geld in die Vertuschung gesundheitlicher Schäden, die uns bei andauerndem Zuckerkonsum erwarten.

Gerade zur Weihnachtszeit spielt die Lebensmittelindustrie mit unserem saisonal natürlich bedingten Appetit auf Süß.

Erklärungen, wann und warum wir Süße brauchen liefert uns das Heilsystem Ayurveda.

Wann ist Süße gut für uns?

Der süße Geschmack entspricht den Elementen Wasser und Erde und gleicht in seinen Eigenschaften dem Kapha-Dosa. Er steht für Stabilität, Erdung, Substanz, Kraft, Geborgenheit.

Für Kinder ist der süße Geschmack elementar, um zu wachsen und um ihr Gehirn zu nähren. Daher sind die ersten Nahrungsmittel für Babies und Kleinkinder auch süß: Muttermilch, Ghee, Karotten- oder Pastinaken-Brei, Birnenkompott … sind allesamt von süßer, aufbauender Qualität.

Im Herbst und im Frühwinter haben wir von Natur aus großen Appetit auf den süßen Geschmack. Wir spüren, dass er uns in der windigen und dunklen Jahreszeit Halt gibt, dass Körper und Seele ihn jetzt wirklich brauchen, damit wir uns wohl und geborgen fühlen können. Die Süße ist jetzt in ihrer aufbauenden Wirkung auch wichtig, um uns vor Kälte zu schützen und um unser Immunsystem zu stärken.

Und: nachmittags verlangt unsere innere Dosa-Uhr oft etwas erdendes zum Essen. Vor allem die leichten Vata-Typen brauchen ab 15 Uhr einen süßen Snack, damit sie nicht zu flattrig werden und anfangen „unkontrolliert“ zu essen.

Die Süße und die Konstitutionstypen

In der Ayurveda gehen wir davon aus, dass die verschiedenen Konstitutionstypen verschiedene Geschmacksrichtungen bevorzugen, wenn sie in Balance sind.

Windige, schnelle Vata-Typen zum Beispiel brauchen unbedingt süße Nahrungsmittel, um sich zu erden und um innere Stabilität zu wahren. Pitta-Typen, die feurigen, brauchen auch manchmal die Süße, um ihre Hitzigkeit zu lindern und sich neu zu fokussieren. Kapha-Typen hingegen meiden, wenn sie sich ausgewogen ernähren, oft den süßen Geschmack, weil sie intutiv wissen, dass er für sie weniger geeignet ist, er macht sie lethargisch.

Maximale Süße steckt im Zucker, doch welche Zuckerarten gibt es?

Es gibt unglaublich viele Zuckerarten und sie alle haben eine verschiedene Wirkung auf unseren Körper.

→ Glukose entspricht Traubenzucker  und ist elementarer Bestandteil vieler Nahrungsmittel. Sie ist für unseren Körper als Energiespender besonders wichtig.

→ Laktose ist Zucker, der in Milch enthalten ist. Er steckt in der Mutter- und in Kuhmilch.

→ Saccarose ist im Zuckerrohr, Zuckerrüben und in den meisten Früchten enthalten. Es gibt hier verschiedene Qualitäten oder Grade der Raffinierung. Es gilt, je weiter der Zucker von seiner Urform entfernt ist, um so heißer, aggressiver und schneller wirkt er in unserem Körper.

→ Fructose oder Fruchtzucker ist in einigen Früchten und in Honig enthalten.

Was sind Zucker-Alternativen?

Wir alle wollen irgendwie Zucker! In unserer Suche nach Zuckeralternativen hat sich der Markt an uns angepasst und bietet uns eine Unmenge teurer Alternativen. Stevia, Kokosblütenzucker, Dattelsüße, Apfelsirup, Reissirup, Agavendicksaft, Ahronsirup… die Liste ist lang…

   -> Und ist das jetzt gesünder?

Fakt ist, die aufgelisteten alternativen Süßmittel werden zum großen Teil langsamer ins Blut abgegeben und bewirken einen weniger starken „Schock“ für unser System, sie wirken weniger sauer und aggressiv.

Wichtig ist dennoch, auch mit Zuckeralternativen einen bewußten Umgang zu haben. Dies gilt vor allem für Agavendicksaft und Fructose-Sirup. So finden wir zum Beispiel in fast jeder Nuss-Milch Agavendicksaft und in vielen Keksen Reissirup oder Apfelsirup.

Agavendicksaft klingt exotisch und irgendwie auch gesund und vielleicht ist das der Grund, warum es sich in der Bioproduktion als fester Bestandteil etabliert hat. Doch es gibt inzwischen einige verlässliche Studien, die besagen, dass Agavensirup exrem viel Fructose enthält und auf Dauer genau so schädlich auf unseren Körper wirkt, wie Maissirup („High Fructose Cornsirup“). Bei Agavensirup solltest du darauf achten, dass der Fructose-Anteil die 50% nicht übersteigt.

Und fructosehaltiger Sirup und Fruchtsäfte allgemein bewirken oft Hunger auf noch mehr. Viel Fructose im Blut kann auch zu einer Resiszenz von Insulin führen und somit zu einer Vorstufe von Diabetes.

Und was sagt die Ayurveda zu Zucker?

Übermäßiger Konsum von Zucker wirkt sich negativ auf alle Dosas in uns aus. Vata und Pitta, also Wind und Feuer werden erhöht und auf lange Sicht auch Kapha – in negativer Form. Raffinierter Zucker bewirkt Turbulenzen im Stoffwechsel, verlangsamt die Verdauung und lädt so innere Schlacken und Giftstoffe zum Anlagern ein.

Und Zucker erzeugt sehr viel Hitze und wirkt sich auf alle Organe, die mit Hitze assoziiert werden, wie die Leber und die Bauchspeicheldrüse aus.

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Jaggery.

Aber…

In der Ayurveda ist Zucker nicht per se schlecht. In geringer Menge gehört er zu unserer Ernährung dazu!

Beliebt ist zum Beipiel Jaggery. Jaggery ist gelagerter, unraffinierter Zucker, welcher in vielen Süßspeisen und auch Suppen in  Asien genutzt wird.

Jaggery hat einen süßen und zugleich sehr dichten, rauchigen, tiefen Geschmack und ist von stark aufbauernder Qualität. Dieser Zucker wird in der Ayurveda gezielt eingesetzt, um Vata zu balancieren und um unseren Körper und Geist ganzheitlich zu nähren.

Was bedeutet unser Hunger auf Süßes?

Abgesehen von den oben beschriebenen Konstitutionstypen und dem frühwinterlich bedingten Appetit auf Süß gibt es noch andere Gründe, für unseren Hunger auf Süßes.

Wenn wir aufgrund der Ernährung oder Stress oder seelischen Problemen aus der Balance geraten, merken wir das ziemlich schnell an unserem Süß-Hunger.

Unregelmäßige Mahlzeiten, Stress in Beruf oder Familie lassen uns weniger vollwertige Mahlzeiten und/ oder vermehrt Süßes essen. Andauernder Heißhunger auf Süßigkeiten zeigt meist, dass unser Pitta, also unser inneres Feuer, erhöht ist. Ein zu starkes Pitta führt erst zu Ungeduld, Hitzigkeit, Streitlust und dann zu Schlaffheit und Erschöpfung.

Sweet-High

Die Zuckersüße funktioniert wie andere Genußmittel auch, sie belebt für den Moment und verstärkt anschließend die Symptome, die sie wegwischen wollte.

Zucker täuscht darüber hinweg, dass sich unter dem „Sweet-High“ eine Menge anderer Gefühle, wie Müdigkeit, Erschöpfung oder Überforderung tummeln, die gerade nicht gehört werden wollen. Und Zucker will mehr. Das bekommen wir zu spüren, wenn wir versuchen, ein paar Tage in Folge auf Zucker zu verzichten. Gereiztheit und Zittrigkeit können Symptome eines Zucker-Entzugs sein.

Winter-Cravings

Es ist seltsam, doch rund um die Weihnachstzeit fallen wir leicht in alte Muster zurück und es passiert das Gegenteil von dem, was wir uns eigentlich wünschen. Weihnachtsessen, Weihnachtsmärkte, Feste in der Schule, Konsumwahn, Familientreffen und perfektionistische Anwandlungen, es allen recht zu machen, setzen uns enorm unter Druck.

An keinem Fest, wie Weihnachten sind die Fettnäpfchen so eng gesetzt und die Nerven so gespannt. Trotz seiner eigentlichen Symbolik sorgt Weihnachten schon im Vorraus für viel Panik, Kopfzerbrechen und eine große Portion Unlust.

November und Dezember sind die Monate, in denen sich gerne alte und sabotierende Ernährungsgewohnheiten wieder in uns melden und uns scheinheilig eine garnicht liebevolle Bewältigungsstrategie anbieten wollen.

Zucker scheint hier als schnelle, willkommene Exit-Strategie.

Was uns das Craving eigentlich sagen will

Doch bei Zucker-Cravings ist vor allem eines ganz wichtig: zu verstehen, woher sie kommen. Im Prinzip sagt uns der Körper oder unsere Seele mit Cravings, dass es ihm gerade garnicht gut geht. Je mehr wir ihn dann mit Zucker füttern, um so stärker verlagern oder ersticken wir das Problem. Oft ist Süß-Sucht ein Ausdruck von einer mangelnden Verbindung an uns selbst, einer Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Geborgenheit.

Mit Cravings umgehen lernen

Wenn du weißt, dass du zu Cravings neigst, sei es durch Stress, bestimmte Familienkonstellationen, heftige Symptome von PMS oder als Nachhall einer Essstörung, dann empfehle ich dir, präventiv zu handeln.

9 Tips, um Cravings zu überwinden

Diese Tips von mir selbst erprobt und wirklich einfach in den Alltag zu integrieren.

→ Regelmäßige Mahlzeiten. Sie sind elementar, um Cravings zu vermeiden. Cravings entstehen meist dadurch, dass unser Blutzuckerspiegel durch ausgelassene Mahlzeiten und emotionalen Stress aus der Bahn gerät. Zucker bringt schnelle, wenn auch trügerische Balance. Vor allem ein erdendes Frühstück und ein ausgewogenes Mittagessen können hier Abhilfe schaffen.

→ Süße und erdende Getreide und Gemüse. Reis, Kürbis, Karotte, Rote Beete, Pastinake, Petersilienwurzel, Sellerie und Kartoffeln haben einen süßen Geschmack. Süßes Gemüse signalisiert unserem Körper und unserer Seele Geborgenheit und mindert Heißhungerattacken auf Zucker.

→  Stimulierende Gewürze. Zimt ist ideal, um unseren Hunger auf Süßes zu stimulieren. Er eignet sich für Porridge, Currygerichte und auch als Tee. Weitere Gewürze, die unseren Blutzucker ausgleichen, sind Bockshornkleesaat, Kurkuma und Pfeffer. Sie eignen sich zu dieser Jahreszeit in Gemüse- und Linsengerichten.

Minimierter Saftkonsum. In Säften ist viel Fructose enthalten. Diese wirkt sich mit starken Schwankungen auf unser Stoffwechsel-System aus und kann Cravings mit verursachen.

→  Viel Trinken. Zum Beispiel Ingwer- oder Tulsi-Tee. Tulsi ist das heilige, indische Basilikum. Tulsi werden viele Heilkräfte nachgesagt. Er wirkt klärend auf die Lungen und besäftigt uns bei Unruhe und Nervosität. Regelmäßiger Gebrauch von Tulsi-Tee hat einen positiven Effekt auf Cravings.

→ Wenn, dann … Biosüßigkeiten und Bioschokolade enthalten oft nicht weniger Zucker, als konventionelle Süßigkeiten. Trotzdem sind sie meist geschmacklich intensiver und der Rohrohrzucker wirkt langsamer. So ergibt sich eine schnellere Befriedigung im Gehirn und macht, dass wir nach ein paar Stückchen die Schokolade wieder zur Seite legen können, statt sie buchstäblich einzuatmen.

→ Gesunde Fette. Gesunde Fette machen nicht dick! Sie wirken dafür harmonisierend auf Körper und Geist, stärken die emotionale Widerstandskraft und schützen auch vor Cravings!

→ Proteine. Über die Rolle von Proteinen bei Cravings, kannst du in meinem anderen Artikel erfahren.

→ YogaYogaYoga! Regelmäßiges Üben wirkt sich stabilisierend auf unseren Stoffwechsel, das hormonelle System, auf unsere Emotionen und auf unsere Achtsamkeit aus. Yoga bewirkt, dass wir einen ziemlich klaren Blick für unsere inneren Prozesse und Bedürfnisse bekommen. Ein „Sweet-High“ hingegen macht eher unklar und gefühlt verklebt.

Das hört sich nach viel an? Zuckercravings zu überwinden kann – je nach Lebensstil – schon eine Menge Disziplin verlangen. Nimm dir einfach ein bis zwei Tips für die kommenden Wochen vor. Und du wirst sehen: je öfter du einige dieser Tips in deinem Leben verankerst, um so feiner werden die Geschmacksnerven und auch das Empfinden, für das, was dir richtig gut tut.

Ja, ich esse Süßes!

Mein Süßhunger spiegelt immer meine aktuelle hormonelle Situation und mein Stresslevel! Genau drei Tage vor meiner Regelblutung erwischt mich für zwei Tage die Schokoladen-Sehnsucht. Und vor allem wenn ich viel unterwegs bin, sehne ich mich manchmal heftig nach einem „Sweet High“.

Daher bemühe ich mich um einen sehr bewußten Umgang mit meinem Zuckerkonsum. Klar gehe ich hin und wieder auch einem Süß-Hunger nach, doch dann achte ich auf die Qualität der Süßigkeiten. Inzwischen weiß ich, dass mich auch Biosüßigkeiten schnell aus der Balance bringen. Also snacke ich am Liebsten aus meiner Dose mit Mandeln, Datteln oder getrockneten Mangos.

Und um Heißhunger zu klären, lege ich gerne mal einen Kitchari-Tag ein. Zum Süßen allgemein benutze ich meist getrocknete Feigen, Dattelsüße und Ahornsirup, hin und wieder Sucanat, also geklärten Vollrohrzucker oder Jaggery.

Happy and sweet grounding!

Deine Julia

Die ideale Suppe um dich zu erden ist diese einfache, ayurvedische Kürbissuppe. Rezept

Wenn du seit längerer Zeit unter Zucker-Cravings leidest, dann können wir gemeinsam einen Ernährungsplan erstellen, um deinem Körper zu balancieren. Beratung

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