Winterlicht – dein Moment für Auszeit

Winter ist die Zeit der Innenkehr. Wer jetzt weiter hetzt,  ist schnell erschöpft. Doch wer neigt im Heilsystem Ayurveda besonders leicht zu Erschöpfung und was sind die einfachsten Methoden, um wieder aufzutanken und festen Boden unter den Füßen zu bekommen?

Winterlicht

Winterzeit ist die Zeit des Vergehens, der Innenkehr, der Reinigung und Stille. Vergleichen wir den Winter mit den Archetypen, dann entspricht der alten, weisen Frau, oder auch der Phase der Menstruationsblutung, wenn unser Körper Ruhe, Sanftheit und Rückzug verlangt, um „zu verdauen“ und sich auf den kommenden Zyklus vorzubereiten.

Die Dunkelheit, Kälte und Nacktheit im Draussen beeinflussen ganz unmittelbar unsere Gefühlswelt. Idealerweise ziehen wir uns jetzt zurück und suchen Nähe im Vertrauten. Das Vertraute, Gemütliche, Gastfreundschaft, Beisammensein mit Freunden und Familie sowie lichtdurchflutete Rituale schenken unseren Herzen jetzt Wärme und emotionale Kraft.

Wir brauchen Raum, um das Jahr zu verdauen.

Doch was passiert, wenn uns das Arbeitstier weiter reitet, bis in die Erschöpfung hinein? Wenn wir so sehr unter Strom stehen, dass die Atmung flach und hart wird, wenn der Schlaf keine Erholung bringt und wir innerlich einfach nicht mehr `runter kommen?

Last Christmas … Mein persönlicher Warnschuss

„Sag alles ab!“ heißt das kleine, dunkle Buch, das mein Freund mir letztes Jahr zu Weihnachten in die Hand drückte.

Dabei wußte er doch, dass ich längst eine Verabredung mit meinem Perfektionismus und meinen mindestens drei Listen hatte, die eher länger, denn kürzer waren… Ja, so viel zu tun!

Sag alles ab! Ja-ja-genau! Und dann kam irgendwann der Knall…

Meinen persönlichen Warnschuss habe ich letzten Winter erhalten. Ich ging, wie man sagt, nur noch auf dem Zahnfleisch. Und das war wörtlich zu nehmen. Eine ziemlich fieser Zahn hatte sich zu meiner Erschöpfung gesellt und wollte über Monate hinweg einfach nicht heilen. So richtig loslassen konnte ich trotzdem nicht, den Blog, die Termine, die Küche, das Perfekt-Sein, bis ich mich vollkommen kraftlos gefühlt habe.

Hallo Ayurveda?

Genau!

Ayurveda zu leben, so lernen und spüren wir es immer wieder, hat nicht nur etwas mit gesunder Ernährung zu tun, sondern auch mit unserem Lebensstil, mit dem Arbeitstier in uns, mit unserer Einstellung zu der Arbeit und unserem Drang nach Perfektion zu tun.

Mit Lebensstil ist hier nicht unsere Jobsituation oder Kontostand gemeint, sondern unser Verhältnis zu uns selbst, unsere Selbstsorge.

Warnzeichen rechtzeitig erkennen

Heftig! denken wir, wenn es jemand aus unserem Umfeld mit Erschöpfung erwischt.

Heftig und – ganz ehrlich – auch: puh, zum Glück nicht ich, denn ich müsste wirklich mal jetzt oder morgen oder vielleicht für … eine halbe Stunde am Tag ne Pause machen … einen Tee trinken, mal keinen Post oder gar Event planen, kein Instagram-Herz verschenken, zum Weihnachtsdinner oder zu einem Spiri-Event gehen, auf der Toilette meine Mails checken, Kochen, das Kind von der Schule abholen und zum Fußball bringen und klar, die Augenbrauen glätten und – lächeln!

Nichts gegen lächeln. Lächeln ist der zauberhafteste Katalysator überhaupt.

Was ich meine ist diese langsame, unterschwellige, schleichende Erschöpfung, die so viele Menschen fühlen. Gerade Frauen, die auf so vielen Ebenen arbeiten, um ihre Träume zu verwirklichen und dann vielleicht noch Yoga, Kind(er) und Leichtigkeit miteinander vereinen wollen. Und klar, eine erfülle Partnerschaft leben möchten, mit leidenschaftlichem Sex.

Irgendwann kommt dann der Tag, an dem wir das Gefühl haben, nicht mehr aufstehen zu können. Weil die Beine so schwer sind und der Kopf grau und leer.

Wenn dieser Tag auf einen Sonntag fällt, an dem wir zufälliger Weise nicht arbeiten müssen, haben wir Glück gehabt. Dann haben wir nur dem Kind gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Was ist Burnout

Burnout meint den Zustand physischer und psychischer Erschöpfung. Wenn er erst mal da ist, geht er so schnell nicht wieder weg.

Bei Burnout funktioniert nichts mehr. Gefangen in einer grauen Wolke, ohne Elan, null Freude am Leben, in absoluter, trostloser, gedankenloser Bewegungslosigkeit. Der Übergang von kurzzeitiger, wiederkehrender Erschöpfung und Burnout kann fließend sein.

Erschöpfung ist liegt in der Ayurveda meist in einer Störung des Vata-Dosas begründet. Andauernder Stress sorgt für Unruhe, Nervosität und Strom im Kopf und führt letztlich zu einem Austrocknen der körperlichen und geistigen Ressourcen.

Erschöpfung verstehen anhand der Konstitutionstypen

In der Ayurveda verstehen wir die körperlichen und die geistigen Merkmale der Menschen durch die Einteilung in die Konstitutionstypen Vata, Pitta und Kapha. (Zwar gibt es selten DEN Vata-, Pitta- oder Kapha-Typen, sondern eher Kombinationen aus den verschiedenen Dosas, doch hilft die Einteilung hier, um die Empfänglichkeit für Erschöpfung zu verdeutlichen.)

-> Die Bewegungsmenschen

Vata-Typen sind unglaublich begeisterungsfähig und neugierig . Vatas wollen sich am liebsten aufteilen und zur gleichen Zeit an mehreren Orten sein, damit sie nicht das Gefühl haben, etwas zu verpassen. Sie haben immer neue Ideen und Pläne im Kopf.

Ausserdem ist ihnen schnell langweilig, sie brauchen viel Aktion, Abwechslung und Bewegung. Viel Bewegung führt bei ihnen auf die Dauer zu einer starken Verbrennung ihrer Ressourcen, sprich Erschöpfung. Denn: aufgrund ihrer leichten Struktur neigen sie dazu, schneller „auszutrocknen oder auszubrennen“. Vatas haben hier also eine Art „Schwachstelle“ und sollten im Sog ihrer Schnelligkeit ein besonderes Augenmerk auf ihre Routine und nährende, warme Speisen legen.

Durch ihr vorherrschendes Wind-Element laden Vatas den Wind (Stress) vermehrt ein und sind daher leichter und auch häufiger von Erschöpfung betroffen, als die anderen Konstitutionstypen.

-> Die Energiebomben

Pitta-Typen sind so richtige Energieträger, sie haben ein starkes mentales Feuer, einen starken Willen und eine solide Basis.

Nimmt ihr inneres Feuer überhand, melden sich Neid, übermäßiger Ehrgeiz und Egoismus. Dann geraten Pittas in einen Tunnel hinein und steuern geradewegs zu, in ihre Erschöpfung.

-> Der Fels in der Brandung

Kaphas haben von Natur aus viel Substanz, darum bringt sie so schnell nichts aus der Ruhe.

Auf viel Tumult oder Stress stehen sie gar nicht; aber wenn er schon mal da ist, dann wird er mit Ausdauer durchschifft, bis sich die Wogen wieder glätten und sie sich entspannt zurück lehnen können. Doch: auch Kaphas können gelegentlich unter Erschöpfung leiden.

Eine ideale Kombination im Bezug auf Stress-Restistenz, sind Pitta-Kapha Typen. Wenn wir uns in der Politiker-Welt umsehen, erkennen wir: die meisten sind Pitta-Kaphas, mit viel Ehrgeiz und auch viel Substanz, um den Trubel überhaupt bewerkstelligen zu können.

Was du bei Erschöpfung tun kannst

Je nach dem, aus welchem familiären Kontext wir kommen, müssen wir Entspannung manchmal erst lernen. Und, wie oben beschrieben, ist es auch abhängig von unserem Typen, wie gut wir mit unseren Kräften haushalten können.

Wenn unsere Eltern uns vorgelebt haben, wie besonders es ist, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören und sie zu achten und nicht sich selbst beständig hinter Arbeit und die Wünsche anderer zu stellen, dann fällt uns das sicherlich leichter.

In wenigen Schritten zur Entschleunigung

Du fühlst dich erschöpft und kannst gerade wirklich keine Pause machen? Gut, dann sind diese Schritte ideal für dich geeignet:

  • To-Do-Liste. Schreibe dir alles auf, was du in der kommenden Zeit erledigen musst. Nimm dir einen Stift und streiche die Dinge, die du wirklich weglassen kannst und markiere die Aufgaben, die du möglicherweise abgeben kannst. Erschöpfung entsteht oft auch dadurch, dass wir vieles alleine schaffen wollen und denken, dass wir dieses und jenes tun „müssen„. Schau mal auf deinen Plan, was du wirklich tun „musst“.
  • Routine. Je nach Konstitutionstyp, ist Routine besonders wichtig. Im Falle von Erschöpfung gilt dies für alle Typen gleichermaßen. Regelmäßige Mahlzeiten und Pausenzeiten sind jetzt elementar, um wieder zu Kräften zu kommen.
  • Liebevolle Nahrung. Oft fällt es uns richtig schwer, wenn wir aus der Balance geraten sind, gut für uns zu sorgen. Nahrung ist Energiespender Nummer Eins. Wichtig ist jetzt kein opulentes Mahl, sondern ganz simple, frische, natürliche, selbstgekochte Nahrung.
  • Suppen. Suppen enthalten eine unsichtbare, doch fühlbare magische Liebesbotschaft. Die Fettäuglein sprechen von Wärme, Geborgenheit und Ankommen. Suppen in Form von klarer Gemüsesuppe oder gebundener Kürbis/ Süßkartoffelsuppe sind jetzt ideal für dich, um dich maximal zu erden. Käse, Fritiertes und Brot sind vor allem Abends ungeeignet, um dir Kraft und Leichtigkeit zurückzuschenken.
  • Massagen. Idealerweise gönnst du dir eine Massage oder bittest eine Freundin oder einen Freund, sich eine halbe Stunde Zeit für dich zu nehmen. Falls das nicht klappt, dann nimm dir morgens und abends 10 Minuten Zeit für eine erdende Ölmassage. Lavendel-, Mandelöl oder Ghee eignen sich hierbei besonders. Wichtig, ist, dass du dich von Kopf zu den Füßen abwärts massierst. Auch eine Fußmassage löst Anspannung und Erschöpfung hin zu Wohligkeit auf.
  • Regelmäßige Bettgehzeit. Klingt öde, ich weiß. Glaub mir, nach 3 Abenden regelmäßiger Bettgehzeit willst du im Winter ohne nicht mehr sein.
  • Medien-Detox. Setze dir ein inneres Limit, wann du am Tag das erste und das letzte Mail auf dein Handy schaust. Idealerweise schaltest du die W-Lan Funktion Abends ab 8 oder 9 Uhr aus und erst nach dem Zähneputzen wieder an. Um 11 Uhr Abends Nachrichten aus irgendeiner Whatsapp-Gruppe zu bekommen, macht auf die Dauer mürbe und verhindert ein entspanntes Einschlafen.
  • Spazieren gehen. Spazieren gehen an der frischen Luft, jenseits der grau winterlichen Häuserschluchten pustet den Kopf durch und schafft Raum für klare Gedanken. Gedanken, die auf einmal deutlich erkennen lassen, dass eine Pause her muss.
  • Meditation. In der Erschöpfung fühlen wir uns abgeschnitten von uns selbst. Wie taub. Um uns wieder zu spüren, mit uns in Kontakt zu treten und uns Zeit für unsere Gefühle zu nehmen, eignet sich ein Meditationsritual vor dem Schlafengehen. Dafür sind 10 Minuten vollkommen ausreichend.

Im Grunde genommen können wir uns jeden Tag neu entscheiden, ob wir ein Stück Richtung Burnout rücken, oder lieber ein Stück weit Richtung Balance.

Oft sind es nicht die Dinge, die wir tun, sondern wie wir sie tun. Mit weniger „ich-muss-aber“ und „es-ist-alles-zuviel“. Mit mehr innerer Ruhe und Vertrauen und mit kleinen Ritualen, Inseln im Alltag, in denen wir für uns sorgen und uns Raum für Liebe geben.

Ich wünsche dir entschleunigende Tage, für ein leuchtendes Winterlicht in dir.

Happy shining!

Deine Julia

Bei starker, anhaltender Erschöpfung empfiehlt sich eine gezielte Auszeit, ein Besuch bei einer Ayurveda-PraktikerIn, einer Heilpraktikerin und möglicherweise verhaltenstherapeutische Unterstützung.