Die Nacht von Shiva und Shakti

Bist Du auf der Suche nach der Verwurzelung in Dir? Nächsten Montag ist Mahashiva-Ratri, die Nacht des Shiva. Diese Nacht ist perfekt, um Dich mit dem Shiva und Dir selbst zu verbinden.

Shiva-Ratri ist eine bedeutende Nacht im Hindu-Kalender. Es ist die Nacht, in welcher Shiva seine Frau Parvati geheiratet haben soll. Parvati ist eine zentrale Göttin im Hindupatheon. Sie ist die Göttin schlechthin. Sie verkörpert Fruchtbarkeit, Schönheit, Vollkommenheit. Sie ist, trotz ihrer Ergebenheit zu Shiva, stark und eigen.

Shakti

Shiva-Shakti-Ardhnarishwra1

Shiva Shakti Ardhnarishwra

Shakti ist die weibliche Energie, die dem männlichen Gott ebenbürtig ist. So ist Shiva, wie jeder andere Hindu-Gott auch, in seiner Potenz und Kreativität nur durch die Verschmelzung mit der weiblichen Energie vollkommen. Shiva Ratri ist die Nacht, in welcher die Vereinigung der männlichen Kraft mit Shakti zelebriert wird.

Parvati ist Symbol der perfekten Shakti, der weiblichen Kraft im Hinduismus. Shakti hingegen ist viele. Shakti kann Parvati sein, vielleicht trägt sie auch ein anderes Gesicht, einen anderen Namen, je nach Region, in der Du Dich befindest.

Gokarna: Fischerort, Brahmanenhochburg und letzte Hippie-Enklave

Genau vor einem Jahr hatte ich das große Glück eher ungeplant bei der Shiva Ratri in Gokarna – einem Küstenstädchen in Karnataka – dabei zu sein.

Bis hier hat Shiva mich weniger interessiert. Ich fühle mich eher in lauten, ekstatischen Krishnatempeln zu Hause, mit Milchsüßigkeiten im Mund und ganz viel Musik in Kopf und Herz. Oder bei der Göttin Kali in Bengalen. Neben der alles überwindenden Kali immer wieder Krishna, diese unendliche Liebe.

Nun also Shiva, ein `Hochgott´, wie der Religionswissenschaftler Axel Michaelis sagt, Teil der Dreigestalt Trimurti: Shiva-Vishnu-Brahman. Shiva, der Zerstörer, und?  Shiva auf den Zerstörer zu reduzieren, ist einseitig und wird seiner gesammten Symbolkraft nicht gerecht.

Wie so oft im Geflecht des Hinduismus ist jeder ein bisschen für alles zuständig. Immerhin war es Shiva, der sich unter die tosende Kali legte, um die Welt vor ihrer Zerstörung zu wahren. Und es war auch Shiva, der die Ganga, den heiligen Fluss, mit seinem Haar auffing, als sie mit unbändiger Gewalt vom Himmel auf die Erde zu donnern drohte. Shiva, Schützer des Universums, Hüter der Zeit. Als Zeichen dessen trägt er die Mondsichel im Haar.

Shiva, der Ober-Yogi

Shiva ist Neel Kanth, der mit dem blauen Nacken. Mit seinem Chillum hängt er in den Bergen auf seinem Tigerfell. In der Meditation überwindet er die Zeit und lässt die Welt Welt sein.

Shiva ist, ähnlich der Göttin Kali, Freak im Hindu-Pantheon.

Shiva ist gerne einsam, gerne im Draußen, weit weg, in der Stille. Er ist irgendwie ungreifbar, entrückt. Seine Enthaltsamkeit macht ihn zum Symbol der Verwurzelung schlechthin. Kraft dieser Wurzel zieht er dann hin und wieder hinaus in die Welt der Abendteuer und vollbringt Unmögliches.

Parvati ist die einzige, der es gelingt, mit Shiva Entsagung zu teilen. Durch seine Bindung an Parvati wiederrum wird Shiva `weltlicher´. Parvati ist es, die den Asketen in den Bergen für die Götter- und Menschenwelt zugänglich macht. Es ist die Verschmelzung von Shiva-Shakti und die letztliche Steigerung von Shivas Potenz, welche in der Shiva-Ratri gefeiert wird.

Mein Wurzel-Moment

shivashakti shivaratri gokarna india-magic copyright by julia wunderlich

Magie in einer Box.

Gokarna im Fest. Es ist Sommer im Süden und allen, denen nicht die Meeresbrise kühlend die Haut streift, rinnt der Schweiss über die Gesichter, unter der Kleidung entlang bis in die Flipflops. Der Schweiß macht diese glitschig.

Die Stadt ist geschmückt mit Lianen aus Mangoblättern. Magier und Waldbewohner sind heute in die Stadt gekommen, um mit Tanz und Zauberei etwas Geld zu machen. Zarte Männer stechen mit entrückten Augen riesige Metallstäbe durch das Wangenfleisch, zucken im Takt der Trommel und heizen die Wartenden zusätzlich an. Vor mir steht eine Frau, die mit Stäben eine Trommel bekreist. Der Sound zieht, wie ein magnetischer Tunnel. Mir wird schwindelig. Incredible India. Und die orientalistischen Kameras machen KLICKKLICK.

Der große Wagen

Wir warten auf den Großen Wagen. Hindus wie Nicht-Hindus. Zauberer, Waldbewohner, Brahmanen, indische und andere Touristen. Im Schweiß und in der Spannung vereint. Von Menschenhand wird Shiva in einem prächtigen Holzwagen gezogen. Sein Wagen trifft auf einen anderen Holzwagen, in dem sich die Shakti befindet. Ist Shivas Wagen bei der Shakti angelangt, werden von beiden Wägen aus Flüssigkeiten, Blumen, Bananen hin- und hergeworfen. Ist die Vereinigung vollzogen, kehrt Shiva zurück in seinen Tempel; gezogen von Brahmanen in Dhotis, dem traditionellen Brahmanen-Dress; begleitet von Bläsern, Trommlern mit puscheligen roten Glitzerhüten. Unser aller Ruf: Mahadev!

Moola, die Wurzel oder das Geschenk

shivashakti shivaratri gokarna copyright by julia wunderlich

Der `Kuss´. Links Shiva. Rechts Parvati. Dazwischen fliegende Bananen und ganz viel Flüssigkeit.

Dass Shiva gleichbedeutend ist mit der Wurzel, der Verwurzelung, Zentrierung in uns wusste ich schon, aber ich hatte es nicht richtig tief verstanden.

Jetzt also, im Warten, ist Gokarna gefüllt von dem wilden Tanz halbnackter „Gaukler“ und dem Raunen, Brummen von abertausend Trommeln, welche Shivas Wagen zur Shakti hin begleiten. Die Trommeln bilden ein unendliches OM in die Luft, in die Körper, in mein Herz hinein.

Die Vibration der Trommeln dringt durch den Boden in alle Wesen dieser Stadt. Ich halte meinen Sohn, der auf einem Vorsprung steht. Wir beide kleben aneinander und vibrieren. Wir schwingen gemeinsam mit der Stadt, dem Klang, den unaufhörlichen Schritten Shivas auf uns zu.

Ich spühre die Schwingung als dunkle, tiefe, warme Energie in mir. Ich bin verwurzelt mit dem Klang, dem OM, dem getragenen Shiva, mit mir.

Mahadev

Der Wagen kommt vor uns zum Stehen. Menschen werfen Bananen auf Shiva. Menschen werden mit Bananen beworfen. Kühe quetschen sich durch die Enge um Bananen zu essen. Unter den Füssen schwindet der Halt. Ein einziger Brei aus Bananen. Süße Hitze. Menschen schieben. Alles verschwimmt zum Großen Ganzen. Ich bleibe bei der Wurzel. Ich verstehe den Weg, den Weg in den Atem hinein. Shiva, Mahadev, der grosse Gott. Prana. Lebensenergie. Wir lenken sie gemeinsam.

Und während Shiva zuückkehrt in seinen Mahabaleshwar-Tempel und wir uns den Weg gen kühlender Meeresbrise bahnen, spühre ich noch immer meine Verbindung – mit dem Wurzelchakra in mir.

Praxis und Wurzelkraft

Und wie ohne Trommelei und Hindu-Entrückung die Wurzel erspühren?

In der Meditation, zum Beispiel. Die Visualisierung des Basis- oder Wurzelchakra kann dabei behilflich sein. Und auch Shiva kann hier – imaginiert – als wunderbares Bild der Verankerung und Verwurzelung dienen.

Sitz und Kraft Deiner Wurzel spührst Du auch deutlich im Osho-Tanz (Biodanza), der darauf angelegt ist, die Wurzel zu ergründen und zu stabilisieren. Oder Du begibst Dich auf eine geführte, shamanische Trance-Reise. Oder Du bereist Orte, die Dich zur Ruhe kommen lassen und Dir Raum geben, Dich mit Dir zu verbinden. So viele Wege und Möglichkeiten, um zu diesem großartigen Ziel zu gelangen.

Liebe,

Deine Julia

Das könnte dich auch interessieren:

  • Wenn Du einen Einstieg in das Thema Hinduismus suchst, empfehle ich Dir Axel Michaelis‘ Buch „Der Hinduismus„.
  • Mehr über Kali und die göttliche Verdauung gibts hier.

 

Merken

Merken