Agape Zoe Festival, eine Reise zu Dir selbst

Agape Zoe, ein Stadtfestival unter vielen? Optimierungskonsum für Neo-Hippies? Oder Spielwiese auf dem Weg zur Selbstliebe? Über Heilungstrends, Zauberei und wundersame Überraschungen.

Sommer Zweitausendfünfzehn

Die Trauerweiden hängen voll und grün über den Kanal, während im obersten Stockwerk eines Fabrikgebäudes Chakren „geloopt“ werden. Von der Wurzel zur Krone hin. Schritt für Schritt arbeiten wir uns tiefer in die Energiezentren hinein – und gleichzeitig empor. Wir kleben Worte mit Neonstickern auf die Körper und sind zusammen ganz laut: feel, act, see, love.

Agape Zoe Nummer Eins

Im Tanz danach sind wir verbunden. Die Herzen absolut geöffnet. Doch ich habe das Gefühl, ich sollte auf mein Handy sehen. Was ich tue. Ich lese die Nachricht: komme bitte sofort. Ich – entrückt und doch ganz tief mit mir verbunden – sehe meinen Bruder neben einer Frau stehen, die ihm ähnlich sieht.

Schwinge mich aufs Fahrrad, meine Freundin auf dem Gepäckträger, und wir gurken gemeinsam durch die warme Stille Richtung Kreuzberg. In mir der Monolog: ach quatsch, so kann es nicht sein. In meinem Herz noch die Ekstase vom Tanz. Ich setze meine Freundin ab und biege in die Schlesische Strasse ein.

healing agape-zoe copyright julia wunderlich

feel, act, see, love…

Dort steht mein Bruder.

Neben einer jungen Frau, die ihm – verdammt! – ähnlich sieht. Die Welt steht still. Wir drei in einer Blase. Schlesische Strasse. Samstag Nacht. Ich klebe mir alle Neonsticker auf mein Herz.

Wie sehr genau dieser Moment mein Leben verändern soll, ahne ich am nächsten Morgen, als ich auf der Matte stehe. Wieder Agape Zoe. In Osho-Tradition schüttel‘ ich meinen Körper, während sich ein heftiger Kloß in meinem Hals löst. Agape Zoe Nummer Eins. Der absolute Trip in meine Intuition hinein.

Mai Zweitausendsechzehn

Ich betrete den Garten Eden. Sonne. So viele kleine und große Füße im Gras. Leichte, nackte Füße. Kleider flattern. Der Himmel gestochen blau. Das schützende Grün des Gartens noch in maienhafter Frische. Harmonie. Ankommen. Atmen.

Ich bin ohne Matte, dafür mit Thema gekommen. Pranamaya Kosha, der Atem oder der Atemkörper in Verbindung mit meinem Unterleib, der Wurzel. Auch das gibt das Agape Zoe her.

Mit einem Blick aufs Programm erfährst du, was in Berlin heilungsmäßig gerade hip ist. Weniger Yoga, dafür schamanisches, mystisches, alchemistisches, eben anders transfromatives: im letzten Jahr noch Chakren-Loop und Öffnung des Wurzelchakras mit Energiearbeit à la Osho. Heute Cacao und Gebärmutterheilung. Medizinische Heilpflanzen als Gruppenerlebnis – und auch die Gebärmutter wird jetzt salonfähig.

Erstmal Cacao

Während eine Stimme, so klar und wunderschön, ein Lied aus Westafrika anstimmt, fliesst Cacao sanft und voll in unsere Becher hinein. ‚Ide were were nita oshun‘ singt der wachsende Chor. ‚Oshun ist die Göttin der Liebe‘ in bunten Tönen, während die Mutter den Cacao auf seine Reise in den Kreis hinein schickt.

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Sanft und voll.

Wir trinken. Der Cacao, die Cacao ist – weich. Vom ersten Schluck an macht sie auf. Die Lippen weich. Sanft sickert Cacao nach unten. In die Schale hinein, den Unterleib. Kraftvoller: ‚the womb‘.

Während wir liegen, singt uns eine Frau entlang der Wege, die Cacao sich in uns bahnt. Die Cacao in uns eröffnet. Der Boden schmilzt, während Cacao in unserer aller Zellen dringt.

‚Inhale the Universe‘, sagt die Mutter. Durch die Krone hindurch. Dahinter: Unendlichkeit.

Weichheit. Wärme. Empfangen. Das Rauschen der Flugzeuge und das entspannende Gluckern der Därme sind in diesem Moment wirklich die einzige Brücke zur Außenwelt.

Das doppelte Herz

Auf dem klapprigen Holzstuhl im Schatten einer Linde sitzt mir eine Wahrsagerin gegenüber. Sie wirbt mit ‚30 Jahre ehrlich und kompetente Lebensberatung‘. Als sie den Mund aufmacht, bereue ich erst heiß und kalt, dass ich das ganze Paket gekauft habe, und nicht den 5-Euro-Shortcut.

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Das doppelte Herz.

Mit ihrer Berliner Schnauze ballert sie mir meine Baustellen ins Gesicht; dabei malt sie mit zwei Eddings gleichzeitig auf meiner Handfläche herum. Ich muss mich bemühen nicht auf Abwehr zu gehen, um ihre Worte weiterhin zu hören. Sie malt ein doppeltes Herz in meine Hand. Sie sieht mich. Egal, ob es mir in diesem Augenblick passt, oder nicht.

Alles ist Jetzt

Zwischen zwei großen Zeremonien habe ich Platz gelassen. Für kleine Rituale, für Stille und Verdauen. Nur konsumieren hilft nicht auf dem Weg zur Intuition. ‚Shamanic healing‘ steht noch auf meiner Liste. Sechzig Minuten Reise Trance. Trance als Transportmittel. Doch ich bin spät dran, wegen Überfüllung bietet sich nur noch Warteliste.

Neben der Liste: der geschlossene Umschlag zum Heirate-Dich-Ritual. Er lächelt mich an und sagt: ‚Na? Wollen wir? Wenn nicht jetzt, wann dann?‘

Der Umschlag: damit auch wirklich niemand Hals-Über-Kopf vor den Altar stürmt, dürfen sich die verschiedenen Seelen des Selbst erstmal vertraut machen. Das heißt: vor dem Heiraten bitte die vorgeschriebenen Aufgaben lösen: Facetten des Selbst beleuchten, mit denen wir nicht klar kommen, die wir nicht leiden können, die wir verstecken wollen, weil sie nerven oder irgendwie anders unbequem sind.

Die Zauberin

Im Garten führt eine steinerne Treppe in den hinteren Teil der Eden-Villa hinein. Ich gehe diese Stufen hinauf, den Spiegel der Wahrsagerin im Gepäck.

Hinter der Tür wartet in Stille und Kühle eine Zauberin mit smaragd-grünen Augen.

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Lieb‘ dich!

Wenige Augenblicke später trete ich im weißen Kleid und Blumengesteck durch einen Vorhang. Die Augen geschlossen. Die Zauberin setzt mir Schleier und Zylinder auf. Noch bevor ich meine Augen für diesen zauberhaften Ort öffnen kann, bin ich überwältigt von Liebe und Dankbarkeit. Die Tränen wollen nicht aufhören, über meine Wangen zu fließen.

Bis hierhin war schon Magie, ab jetzt ist alles, wie in einem abgefahrenen, wunderschönen Traum.

Die Zauberin schenkt ein Geschenk. Die Zauberin schlägt die Brücke von mir zu mir. Ich heirate mich selbst.

Endlich! Mein Herz ist auf, wie eine Blüte. An meinem Finger glänzt ein goldener Drahtring der sagt: liebe dich selbst.

Menschlich ist…

Auf alten Dielen sitzen ungefähr 24 Frauen im Kreis. Um uns herum flattern weiße Gardinen. Der Raum ist erfüllt von leichtem Wind und dem süßen Duft der Geranie. Die gemeinsame Ankunft ist kraftvoll und ich merke, dass meine Erwartungen hoch gesteckt sind.

In der Partnerarbeit begegne ich einer jungen Frau. Sie fühlt sich sichtlich unwohl in der Situation. Während sich um uns herum magische Verbindungen spinnen, stehen wir vor ihrem Schweigen, ja, ihrer Scham.

Scham ist…

Wir haben gefeiert, geyogt, gebalanced und trotzdem gibt es da noch diese Ecke in uns. Die dunkle Ecke, die mit Scham besetzt ist. Scham ist schmerzvoll und macht stumm. Scham macht Angst. Sie trennt uns von dem, wie wir sein wollen und von denen, mit denen wir sein wollen. Scham setzt uns in eine kleine, dunkle Ecke und schnürt das Herz zu.

Wir treffen auf Scham in Momenten, in denen wir unbedingt anders sein, anders werden wollen. Wir brettern in sie hinein wie in eine Mauer. Wir wollen uns verkriechen, uns auflösen. Das tut so richtig weh.

Ich möchte die junge Frau einladen, doch je mehr ich versuche, um so tiefer wird die Kluft. Es ist nicht der Moment, um gesehen zu werden – zumindest nicht von mir. Ihr Kampf, ihre stille Traurigkeit hauen mich um. Ich könnte sie sein. Ich bin, wir sind sie.

Hip oder Healing?

Vielleicht ploppen sie gerade deswegen auf, diese Rituale mit schamanischen Reisen und Gebärmutterheilungen. Weil wir die absolute Verbindung suchen. Extremer als Yoga, Mantren und Ecstatic Dance. Wir wollen sie, nackt und ungestüm. Diese Verbindung zu uns selbst – und zu den anderen. Wir wollen dieses zu Hause finden, in uns, mit anderen.

Heilungstrends sind eben auch Zeichen unserer Zeit. Wir sind die Generation nach der Generation Babyboom. Mit unsicheren, präkeren Jobs, alle irgendwie selbstständig, mit einem Bein schon im ‚burn out‘. Heilungstrends spiegeln die Suche einer Bewegung, die ohne Angst sein will. Eine Bewegung, die den Raum hat und auch die Zeit, sich auf den Weg zur Wurzel zu machen. Zur Intuition. Zu dem Ort unser aller Herkunft – der Gebärmutter/ Wurzelcharkra/ Muladhara. Dem Ort, wo unsere Intuition sitzt, unsere Kraft, unsere Selbsterkenntnis, unser Vertrauen.

Das volle Herz

Auf der Wiese treffe ich meinen Sohn. Ich verbinde mich dankbar mit seiner Leichtigkeit. Hand in Hand betreten wir die kühlende Halle, aus der ein kraftvolles ‚Adi Shakti‘ dringt.

Am Abend begegne ich noch einmal der Wahrsagerin. Unser Blick trifft sich im Spiegel auf der Toilette. Du schon wieder, sagt sie. Dann wandelt sich ihre Stimme. ‚Du Lichtwesen. Ich freue mich jedes Mal, wenn wir uns begegnen. Du kannst Heilung vermitteln, mit deinem Herzen, deinem Wissen. Habe einfach nur Vertrauen.‘

Zeit zu gehen. Obwohl ich mich körperlich kaum bewegt habe, sind meine Beine müde. Fast zu müde, um mein übervolles Herz nach Hause zu tragen.

Agape Zoe Nummer Vier

Ein himmlischer Garten, zum Spielen, sich verlieren und wiederfinden. Gemeinsame, liebevolle Rituale und zärtliche Verbundenheit. Kleine und große und nackte Momente, für dich mit dir. Erlebniswelten, die Raum geben, deinem Selbst ins Gesicht zu sehen. Der Raum, Mauern zu sehen und zu spüren, zu erkennen und vielleicht sogar, sie zu überwinden. Eine kostbare Reise in Etappen. Menschlich und lebendig.

Ich habe meinen Schoß mit Cacao, Atem, Licht, Verbundenheit, Liebe und Mitgefühl gefüllt.

Schmerz und Scham war auch mit dabei. Ein Schritt weiter auf dem Weg Richtung Intuition. Kein BÄM-Moment, wie im Sommer Zweitausendfünfzehn. Aber auch ganz nah bei mir.

Mein absoluter Höhepunkt war die Hochzeit. Was dabei genau passiert, kannst du nur selbst herausfinden. Deswegen habe ich nichts über das Ritual geschrieben. Sei dir gewiss: so eine Selbst-Hochzeit ist alles andere als albern oder trivial. Sie ist ein wunderbarer Moment der Selbst-Erkenntnis. Intim. Ehrlich. Wunderschön. Und wirklich: allerhöchste Zeit!

 

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