kokos oder ghee? nur eine Frage der Moral?

Mir gegenüber sitzt eine junge Mutter, ernährungsbewusste Veganerin. Sie hat den Ernährungsberatungs-Termin für ihren Sohn gemacht, welcher, obwohl schütter und chronisch krank, munter zwischen Steckdose und Massageliegenschalter hin und her turnt. Vor uns liegt sein Ernährungstagebuch der letzten Woche. Perfekt, denke ich. Nur zwei Kleinigkeiten, die ich ändern würde. Den hohen Sojamilchkonsum zurückschrauben und eher Ghee als Kokosfett verwenden. Klar, denkst Du jetzt. Die Ayurveden und ihr Ghee, reden immer von ahimsa (Gewaltlosigkeit) und können doch nie Vollblut-Veganer werden. Und ein bisschen Recht damit hast Du schon, aber…

amul ghee ayurveda essen rolling tiger copyright by julia wunderlich

Amul-Ghee. Ghee des indischen Firmengiganten Amul verspricht im Glitzer-Design Beweglichkeit, Vitalität – und eine Menge Blumen.

Wenn wir im Ayurveda Ghee, geklärte Butter, empfehlen, dann liegt das nicht nur in Ayurveda-Theorie begründet, sondern auch in der Erkenntnis eigener Erfahrungen.

Was bedeutet Ghee in der Ayurveda-Ernährung?

In der ältesten Ayurveda-Schrift von Charaka wird Ghee als „erstes Nahrungsmittel“ gelistet, neben Reis, Mungbohnen und Milch. Ghee gilt als sattvisch (beruhigend) und ist daher auch in der Yoga-Ernährung essentiell. Während in Nordindien Ghee als Basis für Gesundheit und als Therapiemittel schlechthin gesehen wird, wird in Südindien Kokosfett als Allheilmittel angesehen.

In den indisch-ayurvedischen Schriften begegnet uns immer wieder der Disput: Kokos oder Ghee? Woher kommen diese Differenzen? Regionale Verschiedenheit, klar. In Nordindien wachsen keine Kokospalmen. Dafür gab und gibt es genug Weideland für Kühe. Und: Kokosöl verfügt über schwere und kühlende Eigenschaften, ist als All-Rounder am besten im immer warmen Südindien anzuwenden. Nordindische Winter sind verdammt ungemütlich und kalt, da wirkt Ghee viel eher harmonisierend.

Die Ghee/ Kokos-Frage nutzen aber auch die Brahmanen des Nordens, um sich von den Südindern abzugrenzen, wenn nicht, um sich über sie zu erheben.

Und nun: Kokos oder Ghee?

Beide Fette sind sehr gut erhitzbar und werden bei längerer Bratzeit nicht toxisch. Kokos liegt wegen seiner Kühle eher schwer im Magen. Ghee hingegen ist hier mild. Beide Fette haben eine darmsanierende Wirkung und stärken so unser Immunsystem. Darüberhinaus reinigt Ghee den Darm und macht ihn geschmeidig, macht uns geschmeidig und steigert unser körperliches Wohlbefinden. Ghee hilft bei der Absorption von Nährstoffen, lässt Wirkstoffe von Heilpflanzen tiefer in uns dringen. In der Ayurveda-Kur bringt Ghee unsere Augen durch seine reinigende Kraft -wortwörtlich- zum Strahlen.

„Was ist für mich `gesünder´?“ Wie immer im Ayurveda, gibt es viele Antworten. Kokosöl eignet sich zum Kühlen, also in geringen Mengen im Sommer, bei Pitta-Überschuss und generell bei Pitta-Konstitution. Im Winter und bei Stresserkrankungen ist Kokosöl kontraindiziert. Ghee ist immer empfehlenswert, es sei denn, man hat erhöhte Cholesterinwerte.

Vegan oder tierisch? Muss jede/ r für sich entscheiden. Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren, sollten beim Ghee ein Ausnahme machen, da Ghee eine stark aufbauende, stärkende, stabilisierende Wirkung hat. Ich spüre die oben beschriebenen Ghee-Vorzüge deutlich in mir und denke, dass Ghee eine goldene nicht-vegane Ausnahme sein darf. Moralisch vertretbar, wenn es in hoher Bio-Qualität, bewusst eingesetzt wird.

Rezept zum Ghee kochen aus Demeter-Butter.

Artikel über Gritha, mediziniertes Ghee im Ayurveda-Journal.